Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere 17.4.2025 Neues Theater Halle
Nächste Vorstellungen:
Mi 14.01.2026 - 18:00 Uhr | Penthesile:a:s | neues theater Halle
Do 15.01.2026 - 19.30 Uhr | Penthesile:a:s | neues theater Halle
Sa 31.01.2026 - 19.30 Uhr | Penthesile:a:s | neues theater Halle
So 01.02.2026 - 16:00 Uhr | Penthesile:a:s | neues theater Halle
Lärm, Schmutz, Schreie – Krieg.
Penthesile:a:s, Königin der Amazonen, und Achill:e:s, griechischer Held, stehen sich auf dem Schlachtfeld gegenüber. Ein Moment der Stille, ein Atemzug – und plötzlich ist da mehr als nur Kampf. Zwei Feinde, zwei Kämpfer*innen, zwei Menschen, die für Freiheit angetreten sind und doch in der Schlacht vergessen haben, was Freiheit, Liebe und Miteinander bedeuten. Schon Heinrich von Kleist versuchte mit seinem Drama um Penthesilea aus der binären Geschlechterordnung auszubrechen. Kleists Versuch, aus der binären Geschlechterordnung auszubrechenMarDi bricht es auf – ein wuchtiges, sprachgewaltiges Langgedicht – und wirft den Blick ungeschminkt auf die aktuellen, feministischen Kämpfe. Achill:e:s und Penthesile:a:s verschmelzen und suchen gemeinsam einen Ausweg aus den festgelegten Rollenbildern. Die damit einhergehende und heraufbeschworene Apokalypse überwinden sie im Ausblick auf ein WIR. Ein großes Wir, das nicht nur die Grenzen der Geschlechter überwindet, sondern auch die zwischen allen lebenden Wesen.
Mit: Aline Bucher, Elea-Darja Fellmann, Alina Konieczny, Jennifer Krannich, Sybille Kreß, Elke Richter, Nicoline Schubert, Tristan Becker, Lukas Coleselli, Leon Höhne, Alexander Pensel, Matthias Walter
Regie: Sandra Hüller & Tom Schneider / Bühne & Kostüme: Nadja Sofie Eller / Musik: Moritz Bossmann / Chorleitung: Toni Jessen / Dramaturgie: Uwe Gössel /
Regieassistenz: Lena Gehrke / Ausstattungsassistenz: Isis Steininger / Kostümassistenz: Antonia Krull / Regiehospitanz: Yael Cremonesi / Dramaturgiehospitanz: Marta Loi / Inspizienz: Theresa Schafhauser Jorente
Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH
Fotos © Uwe Gössel
Das WIR als Protagonist*in
oder
Die Sicht auf die Zukunft ist positiv
Zum Stück und zur Konzeption von Uwe Gössel
Der im Original französische Theatertext
»Penthesile:a:s« von MarDi wurde 2021
auf dem Festival d’Avignon uraufgeführt.
Statt von Krieg, waren die Menschen in
Europa damals von der Pandemie bedroht.
Die ersten Worte des Stückes: »Noch mal
Krieg …« erscheinen uns heute gegenwär-
tiger, zielen aber ab auf einen der ältesten
überlieferten Kriege: um Troja vor über
3.000 Jahren. Alle bis heute anhaltenden
Konflikte der Menschen sind in der grie-
chischen Antike bereits angelegt. Der Fall
beispielsweise, dass ein Land ein anderes
überfällt, um zu rauben, was es begehrt,
und mit seinem kriegerischen Gewaltakt
eine ganze Reihe weiterer Länder – damals
Völker – mit hineinzieht. Ausgelöst wurde
seinerzeit, was wir heute Bündnisfall nen-
nen. So war es ursprünglich der Raub He-
lenas, der eine Kette von Gewalt, Rache
und Gegengewalt und damit den Krieg um
Troja entfesselte.
Kollektives Denken
Das Theater-Kollektiv FARN stellt das WIR,
das am Ende des Stückes erscheint, auf
verschieden Ebenen in den Mittelpunkt
der deutschsprachigen Erstaufführung.
Die Gruppe selbst pflegt seit Jahren eine
gemeinschaftliche Praxis des Denkens und
Handelns, wenn sie in wechselnden Kon-
stellationen auf und hinter der Bühne ar-
beitet: Der Musiker Moritz Bossmann, die
Bühnen- und Kostümbildnerin Nadja Sofie
Eller, die Schauspielerin und Regisseurin
Sandra Hüller sowie der Regisseur und
Choreograf Tom Schneider. Für »Penthe-
sile:a:s« im Kollektiv neu dabei sind der
Dramaturg Uwe Gössel und der Chorlei-
ter Toni Jessen.
An diese Arbeitsweise angelehnt ent-
stand die Inszenierung gemeinsam mit
zwölf Schauspieler*innen ganz unter-
schiedlichen Alters, die den Texten der bei-
den Figuren Penthesile:a:s und Achill:e:s
auf der Bühne Stimme und Körper geben.
Der Bühnenraum ist sowohl konkret als
auch abstrakt. Auf der einen Seite zeigt er
eine Küche, in der gekocht wird, auf der
anderen Seite ist er Ort für ein Orches-
ter, dessen Instrumente die Stimmen der
Sprechenden bilden. Dazwischen liegt ein
abstrakter Raum. Dieser verwandelt sich
im Laufe der Inszenierung und stiftet eine
neue, ganz andere Bedeutung.
Von Troja bis heute
In vielen Erzählungen, so auch in Hein-
rich von Kleists Stück »Penthesilea«, grei-
fen im zehnten Kriegsjahr das Volk der
Amazonen und ihre Königin Penthesilea
in den Kampf ein. Diesem Volk von Frauen
geht es weniger um die Bündnispolitik, als
vielmehr darum, die tapfersten Griechen
und Achilles, einen ihrer Anführer, zu ent-
führen, um mit ihnen Nachkommen zu zeu-
gen. Denn ohne diese hätte das Volk der
Frauen keine Zukunft.
Dieser Stoff wurde bislang meist aus
einer männlichen Perspektive erzählt. Häu-
fig dienten die Geschichten dazu, das Hel-
dentum ihrer männlichen Gegner zu stei-
gern oder das Befremden einer weiblichen
Gesellschaftsordnung gegenüber auszu-
drücken. MarDi fügt dem Stoff eine ganz ei-
gene Erzählung um das Volk der Amazonen
und ihre Anführerin hinzu und überschreibt
damit die stereotypischen Perspektiven
auf das Verhältnis der Geschlechter. Im
Drama hält MarDi den ewigen Kreislauf
der Gewalt an. MarDi lässt die verfeinde-
ten Figuren – Penthesile:a:s und Achill:e:s
– genauso innehalten, wie den Krieg der
Völker, den Kampf innerhalb des binären
Geschlechtermodells, die Kette aus Ge-
walt und Rache, ja, die Logik aller impe-
rialistischen Lebensweisen. Die tödliche
Verwundung Penthesile:a:s gleich zu Be-
ginn des Stücks lässt gewissermaßen alles
Folgende gerinnen, oder, wie es im Stück
heißt: Alles geschieht »in der plastifizier-
ten Luft.« Überwunden wird die heraufbe-
schworene Apokalypse, und frei wird der
Blick auf das, was bislang verborgen war:
Der Raum zwischen den Geschlechtern
Mann und Frau beispielsweise, bereits im
Titel mit zwei Doppelpunkten markiert, löst
sich auf zugunsten von Schattierungen.
Tiere und Pflanzen
Auch der gedankliche Raum wird weit,
wenn MarDi die Abgrenzung zwischen
Menschen und Tieren, Pflanzen, und ja,
zur Natur überhaupt in die Vision mit einbe-
zieht und auflöst. Die Sicht auf die Zukunft
ist am Ende von MarDis Stück positiv, sie
ist getragen von einer Transformation, die
alles Lebenswichtige miteinschließt und in
einem gemeinschaftlichen WIR mündet.
Seit der Uraufführung 2021 ist die Welt
nicht friedlicher geworden, im Gegenteil.
Die Suche nach einem gerechten, fried-
lichen und nachhaltigen Miteinander er-
scheint utopischer und gleichzeitig not-
wendiger.
Wo ist gegenwärtig Raum für eine Utopie?
Sandra Hüller und Tom Schneider, Mitglieder des FARN-Kollektivs, bilden das Regieduo für die Produktion und sprechen im Anschluss an eine Probe an Sandras heimischem Küchentisch mit Uwe Gössel, der als Dramaturg für diese Arbeit Teil des Kollektivs ist.
Uwe Gössel: Liebe Sandra, lieber Tom, wie seid ihr auf die Idee für diese Produktion gekommen?
Sandra Hüller: Mit dem Stoff um Penthesilea habe ich mich schon lange beschäftigt und die Figur auch selbst gespielt. Die erste Idee für dieses Stück entstand genau hier, an diesem Küchentisch, als mir die Übersetzerin und Schauspielerin Dorothea Arnold von MarDis Text erzählte. Sie hatte ihn gerade gemeinsam mit ihrer französischen Kollegin Fanny Bouquet übersetzt. Da ich zum ersten Mal nicht selbst auf der Bühne stehe, schien es mir eine gute Voraussetzung zu sein, das Bekannte mit dem Neuen zu verbinden.
Tom Schneider: Von Anfang an mochte ich, dass MarDi für die Versuchsanordnung zwei so starke Figuren gewählt hat, die mit so vielen Zuschreibungen aufgeladen sind. Mir gefiel auch, wie MarDi den mythischen, unverletzlichen Helden Achilles und die Königin der Amazonen über das Stück hinweg ihr ganzes Gepäck voller Bedeutungen abwerfen lässt, um etwas Neues jenseits des Kampfes zu probieren: ein Wir.
Sandra: Auch die Form des Stückes hat mich gereizt. MarDi friert einen Augenblick ein, und zwar genau den, als sich Penthesile:a:s und Achill:e:s, die beiden Protagonist*innen, im Kampf begegnen. Penthesile:a:s beginnt zu sprechen und Achill:e:s stellt ihr Fragen. In meiner über
zwanzigjährigen Laufbahn auf der Bühne ist es mir kaum untergekommen, dass die Frauen-Figuren erzählen und die Männer zuhören. Wie sich dann später dieses Zwiegespräch in ein, ja, »Ein-Gespräch« auflöst, gibt uns beim Probieren viele Möglichkeiten, Bilder zu entwerfen. Und diese müssen sich nicht an einer klassischen Logik des Erzählens orientieren, wie wir sie etwa im Stück von Heinrich von Kleist finden.
Uwe: Ihr habt mit FARN in der Vergangenheit sehr unterschiedliche Theaterarbeiten entwickelt. Alle sind geprägt von einer kollektiven Arbeitsweise. Es waren Inszenierungen mit vielen performativen Momenten, mit live gespielter Musik und mit herausfordernden Texten wie beispielsweise von Heiner Müller oder Wissenschaftler*innen wie Donna Haraway. Aber auch poetische Abende wie »Bilder deiner großen Liebe« von Wolfgang Herrndorf. »Penthesile:a:s« ist eine Art Sprachgedicht. Konkrete Handlungen, Orte oder Regieanweisungen gibt es keine. Wie habt ihr als Gruppe dafür eine Bildidee, beziehungsweise eine Raumlösung gefunden?
Tom: Als FARN-Kollektiv haben wir keine festgelegte Spielweise. Diese ergibt sich aus dem jeweiligen Stoff. Für Pentheslie:a:s unterteilt Nadja Sofie Eller als Bühnen- und Kostümbildnerin den Theaterraum zum ers- ten Mal in zwei gegensätzliche Bereiche: einen Raum fürs Bild, das ist eine reale Küche, und einen Raum für die Sprache, das könnte der Platz eines Orchesters in der Nähe des Publikums sein. Oder er ist bereits die erste Reihe des Saals, wo die
Zuschauenden sitzen. Der Raum dazwischen scheint anfangs leer, bekommt aber im Verlauf des Abends immer mehr Be-
deutung.
Sandra: Ein erster Gedanke war, dass ein Paar eine Küche aufbaut. Davon sind wir
aber rasch weggekommen. Jetzt ist die Küche ein heutiger Ort der Begegnung. Alle kennen diesen Ort, wo man sich trifft und wo häufig Entscheidungen getroffen werden.
Tom: Für uns ist die Küche sowohl profan als auch sakral. Eine Kücheninsel hat ja etwas von einem Altar, gleichzeitig ist
es ein wichtiger Ort, wo man zusammenkommt, kocht und isst. An dem Tisch, der hier steht, kann auch was verhandelt werden. Die Spielenden wechseln immer wieder zwischen dem abstrakten Raum der Orchesterreihe und dem konkreten Raum.
Sandra: Es ist wie die Spitze eines Eisberges. Unter der Oberfläche liegen die vielen Rituale der Geschichte. Unzählige Verhandlungen, aber auch Momente der Einsamkeit. Entscheidend ist, wie der profane Raum behandelt wird. Es berührt mich, Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in diesen Räumen mit ungeschriebenen Regeln bewegen. Auf den ersten Blick scheinen die Handlungen profan, aber auf den zweiten Blick wird deutlich, was alles
noch zu tun ist, auch gesellschaftlich. Und jede neue Konstellation von Spielenden erzählt etwas über die Figuren, je nachdem mit welchem Geschlecht sie gelesen werden, oder ob ich mich mit ihnen identifiziere oder nicht.
Uwe: Das Stück »Penthesile:a:s« transportiert jahrtausendealte Überlieferungen der griechischen Antike, die meistens von Männern aufgeschrieben, geformt wurden, über das Mittel einer genderinklusiven Schreibweise in die queer-feministischen Denkräume der Gegenwart. Alles entwickelt sich in der Sprache und aus der Sprache heraus. Was hat euch an dem Text von MarDi gereizt?
Sandra: Der Text beginnt mit der – auch zugeschriebenen – Entzweiung der beiden Protagonist*innen Penthesile:a:s und Achill:e:s. Er benennt die damit verbundenen Schmerzen, die Verletzungen und Missverständnisse. Aber dann versuchen sich die Figuren zu versöhnen und gemeinsam zu sein. Der Text verschweigt weder, wie schwierig dieser Prozess ist, noch wie schmerzhaft die Zeit war, von einander ausgeschlossen zu sein.
Tom: Es hat mich sehr interessiert, »Penthesile:a:s« für das Theater umzusetzen, weil der Text das Sprechen und das Theatermachen selbst herausfordert. Dieser Text versucht etwas, das Sprache eigentlich kaum kann. Mit Sprache kann etwas konkret beschrieben werden, ein Glas beispielsweise, oder ein Mensch. Doch wenn es noch genauer gefasst werden soll, verlangt es ein weiteres Ausdifferenzieren. Aber genau das führt dazu, dass paradoxerweise etwas anderes ausgeschlossen wird, und in diesen Ausschlussprinzipien zeigen sich auch die darin eingeschriebenen Machtverhältnisse. MarDis Text beschreibt genau das Gegenteil. Er versucht, dass eben nicht ausgeschlossen wird, ein großes, gleichberechtigtes WIR wird gedacht und nicht: da ist ein Mann, eine Frau oder ein Schmetterling. MarDi entwirft eine Idee und formuliert einen sprachlichen Versuch, wie es künftig gesellschaftlich gehen könnte. Dabei stellt MarDi vor allem Fragen, ohne dabei belehrend zu sein.
Uwe: Für diese Produktion haben zwei Übersetzerinnen den Text übertragen, ihr beide führt Regie, die beiden Figuren werden von insgesamt zwölf Spielenden verkörpert, und das Publikum wird im Verlauf des Abends eingeladen, mit dabei zu sein. Ist für euch als Kollektiv hier auch etwas neu?
Sandra: Wir setzen am Theater in Halle fort, was wir tatsächlich schon immer gemacht haben. Es gibt uns aber auch neue Mög-
lichkeiten. Wir können sowohl im Zwiegespräch sein, als auch uns mit dem Ensemble ergänzen. Gleichzeitig mag ich es, als erste Zuschauerin den Spielenden dabei zuzusehen, wie sie etwas herauszufinden suchen. Und wie das Herausfinden konkret funktioniert. Ich möchte das Theater als einen Ort erleben, an dem Frieden herrscht, wo eine Atmosphäre entsteht, in der ich dabei sein kann, wo ich aber auch mal aussteigen und wieder einsteigen kann. Ich mag das Theater weniger als Überwältigungsmaschine, sondern als einen freien Raum für das Publikum.
Tom: Das Stück handelt von einer Utopie. Wie kann man sie darstellen? Sie ist ja (noch) nicht vorhanden. Sie ist etwas Zukünftiges. Wir können sie weder zeigen, noch vorstellen. Wo ist gegenwärtig Raum für eine Utopie? Wo sonst, als in den Köpfen der Zuschauenden, kann überhaupt Utopie stattfinden? Wir versuchen einen Fantasieraum dafür herzustellen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln.
Uwe: Worauf freut ihr euch?
Sandra: Ich mag Fragilität, ich mag es auch, wenn die Vorgänge nicht ganz sicher sind. Ich möchte mit dem Theater einen Ort haben, an dem Dinge in einer Art und Weise verhandelt werden können, dass ich ihnen zuhören und mir meine eigenen Gedanken dazu machen kann. Ich freue mich darauf, zusammen mit dem Publikum diesen Abend zu entdecken. Vielleicht erkunden wir gemeinsam bislang verborgene Verbindungen?
Tom: Mit dem Ensemble hier in Halle sind sehr unterschiedliche, wunderbare Spielmomente entstanden, einzelne Szenen mit nur zwei Spieler*innen aber auch sinnliche Momente mit allen. Und wenn das Ensemble beispielsweise mit Toni Jessen, unserem Chorleiter, den Anfang des Textes gemeinsam erarbeitet, dass die Worte wie aus einem vielstimmigen Mund einen Sog entwickeln, dann freue ich mich schon jetzt darauf, wie das in den Aufführungen klingen wird.
Uwe: Vielen Dank.